Ich bin inkognito da. Kein Hemd, keine Weste, nur ein Hoodie unter dessen Kappe ich mein Gesicht in Schatten hülle. Draussen herrscht Verräter-Wetter. Regen. Natürlich. Eine Tram fiel sogar aus und ich musste zwischenzeitlich in einem Hauseingang Schutz suchen. Jetzt aber sitze ich. Jetzt heißt es Zeit zum Töten! ›tempo di uccidere‹! Links von mir. Eine Rothaut ist drauf und dran einen dubios aussehendes Bleichgesicht mit Schnorres zu skalpieren. In seinem hoch gerissenen Messer blitzen Hass und Verachtung. Aber der edle Cowboy Tex eilt schon zur Rettung. Oder wird er dem fiesen, am Boden liegenden Schnurrbartträger in den Rücken fallen? Denn wer ist schon frei von Eigennutz und Vorteilsnahme? Mit wessen Loyalität können wir rechnen, wenn das Licht unseres Glücks einen Schatten auf jene wirft, die von sich behaupten immer hinter uns zu stehen?
Der Regen klopft in Leipzig-West an die Fenster und ich sollte mich hüten ihn herein zu bitten. Hier liegen italienische Comichefte als Dutzend zur Deko in der besten Pizzeria der Stadt. Hier warten selbst eingelegte Pepperoni darauf über zart schmelzenden Mozzarella gelegt zu werden. Hier wohnt einen faule-Tomaten-Wurf weit entfernt meine ehemals beste Freundin. Hier spüre ich noch immer das Messer ihres Verrats in meinem Rücken. ›Amico‹ heißt die Pizzeria, Freund. Und Freunde eignen sich seit jeher als die besten Verräter.
Mein italienisch reicht nicht, um das Deko-Comic in meinen Händen lesen zu können. Höchstwahrscheinlich ist Tiger Jack, so der Name des Natives, aber sonst ein Guter und Mr. Mostacho hat ihm nur übel mitgespielt. Muss also was großes sein, wenn der Prärietiger mit Federschmuck sein Kriegsbeil ausgräbt.
Verrat ist ein schweres Wort. Für große Bühnen und zentimeterdicke Romane. Manchmal kommt er aber auch Scheibchenweise wie Salami daher.
Angefreundet haben wir uns, als ich vollkommen lost vor Liebeskummer in eine neue Stadt gezogen bin. Sie, eine freudestrahlende Dramaqueen, deren Name nach Junisonne klingt, nahm mich unter ihre Fittiche und in ihre Welt der schlauen Dating-Tips. Schnell waren wir beide aus einem Stahl gegossen. Nie zuvor habe ich einen Menschen näher an mich herangelassen. Doch trotz inniger Freundschaft und durchaus schönen, gemeinsamen Zeiten, gab es diese permanenten Stiche ihrerseits, das subtile in-Frage-stellen meiner Männlichkeit. Kam ich einer Frau dann tatsächlich einmal näher, rief ich schnell ihren Unmut hervor: ›Was willst du denn mit der?‹
Erst Jahre später begriff ich, dass sie schlichtweg nicht willens war ihre elaborierte Stellung an eine andere Frau abzugeben. Letzten Endes denken wir immer zuerst an uns selbst.
Guiseppe hingegen denkt nur an seine neapolitanische Köstlichkeit. Der Inhaber des ›Amico‹ ist eine echte One-Man-Pizzaiolo-Show und Freund klarer Ansagen. Wer nicht reserviert hat, hat Pech. Getränke bitte selber aus dem Kühlschrank nehmen. Geöffnet an nur vier Tagen die Woche. Von 17 Uhr bis der Teig alle ist.
Ich wähle eine ›Gattopardo‹, wie der gleichnamige Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Ein anderer Guiseppe. Mit Steinpilzen, Salsiccia, Kochschinken und angebratenen Zwiebeln anstelle sizilianischen Adels-Avancen und aufstrebendem Bürgertumsbewegungen. Pizza passt nämlich immer! Pizza ist loyal. Die knusprig-fluffige Alternative zum Schokoladeneis für gebrochene Herzen. Am besten natürlich beides. Und die Pizza bei Guiseppe ist hervorragend. Dem Leipziger Guiseppe jetzt wieder, nicht der Autor aus Palermo. Guiseppes halber Gastraum wird von einer Tonschindel-überdachten Bar ausgefüllt. Dicke Holzbalken unter der Decke verhängen die Gründerzeitarchitektur. Die rote Berkel macht sich auch in einem Raum ohne Betoninselküche gut. 14 Sitzplätze sind zu zählen. Ich sitze an einem Zweiertisch, hinter mir ein Pärchen samt beider Kinder an einem Vierertisch. Alte Schreibmaschinen stehen rum, diverses Scheunengerümpel, zwei Schränke mit abblätterndem Lack. Wer hier sitzt wähnt sich in einer Filmkulisse oder als Wildwest-Show-Besucher. Gleich kommt der Pistolero durch die Saloontür oder der arme Timmy mit drei Pfeilen im Rücken.
Von wegen! Es ist tatsächlich eine dunkelhaarige Schönheit samt Partner und Kind, die nun verloren im Eingangsbereich auf einen frei werdenden Tisch wartet. Sie ist genau mein Typ. Italienerin. Oder Türkin. Jedenfalls glänzt der Ring an ihrem Finger nicht von meiner Liebe. Dabei ist er ein Langweiler. Sehe ich sofort. Aber Geld hat er. Phillip heißt der Spießer und wählt sicher FDP. Ihr Name fällt leider nicht.
Mittlerweile schmerzt mich so ein Anblick. Heile Häppi-Peppi-Family-Welt. Aber Geduld! Rache will kalt genossen werden.
Über die schlechte Beeinflussung der Freundschaft zerbrach sogar eine mir überaus wichtige Partnerschaft. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich von Trennung erholt habe und so bleibt der schale Geschmack von Verrat länger auf der Zunge zurück, als der von Steinpilzen und Salsiccia.
Bamm, Bamm, Bamm, liefert sich Tex die Duelle seitenlang neben mir. Sein Revolver glüht. Das Telefon läutet ebenfalls im Dauerfeuer, jeder will hier reservieren. Ohne Reservierung kein Platz. Ohne Platz keine Reservierung – Guiseppe nimmt ja nie den Hörer ab. Es ist zum Verzweifeln.
Mein Tisch wurde mir nur durch Glück und der Gnade Gottes zugewiesen.
»Wir reservieren immer gleich für das nächste Mal« lässt Mama ›Schlau wie ein Fuchs‹ vom Nebentisch meine schöne, aber leider vergebene Principessa wissen. Die hat sich samt Kind und Schnöselgatten mit an den Vierertisch gequetscht.
Ich will natürlich keine Rache. Die hat mir nur der zornige Apachenhäuptling eingeredet. Am meisten bin ich ja Opfer des eigenen Scheiterns geworden. Sei es, mein Bauchgefühl ignoriert zu haben oder darin versagt zu haben, klare Grenzen zu ziehen. Mittlerweile weiß ich: Wenn du nicht dein Leben lebst, lebt es jemand anderes. Ob fremdbestimmt von außen oder ein eigener, innerer Dämon der Vergangenheit. Oder ein Zusammenspiel aus beiden, bis sich unser eigentliches Wesen schafft davon zu restlos zu befreien.
Nur bis dahin ist es ein langer Weg nach Westen. Tex weiß das natürlich. »Non farlo!« Tu es nicht! Der edle Cowboy hält seinen indigenen Buddy Tiger Jack in letzter Sekunde von der frevelhaften und unchristlichen Tat ab. Der Hombre mit Schnurrbart kommt gerade noch mal davon. Niemand wird skalpiert, alles bleibt gut.
Beim Leoparden, dem deutschen Titel von Buch und Verfilmung des ›Il Gattopardo‹, fällt im Gegensatz alles auseinander. Der Adel verliert an Einfluss und der schneidige, aber verarmte Alain Delon ehelicht die wunderschöne Claudia Cardinale aus dem reichen Bürgertum. Seine Cousine Concetta bleibt verschmäht zurück und leidet Liebeskummer.
An einer Stelle flirrt Don Fabrizios Satz, imposant gespielt von Burt Lancaster, in der sizilianischen Sonne und bleibt zurück wie ein Steppenbrand: »Wir waren die Leoparden, die Löwen, die Adler. Unseren Platz werden Schafe, Hyänen und Schakale einnehmen. Doch in einem gleichen wir uns, Leoparden, Schakale, Hyänen und Schafe: Alle glauben nämlich von sich, sie seien das Salz der Erde.« Mit solch einer Einstellung darf man auch schon mal das Messer aus dem Hinterhalt zücken.
Andererseits: Vielleicht gehört Verrat auch einfach zum Leben dazu. Der Preis für unser ewiges Streben nach Sicherheit. Und wer wie ich die großen Bühnen und zentimeterdicke Romane schätzt, das Drama in Wort und Schrift, der muss auch einmal den Dolch des Verrates aushalten. Mag er zwar nicht das Salz der Erde sein, dann immerhin das der guten Geschichten.
Zum Schluss noch ein wundervolles Zitat, welches John Cleese seinem Regisseur von ›Ein Fisch namens Wanda‹ auf ein T-Shirt gedruckt schenkte. »Alter und Verrat werden immer über Jugend und Können siegen!« Gegen so ein treffliches Monty-Python-Bonmont kann auch der edle Cowboy Tex nichts ausrichten.
Mein Abend in Leipzig-West neigt sich ihrem Ende. Der Leopard wurde verspeist, die Pizza bezahlt. Wieder auf der Straße regnet es noch stärker als vorhin. Immerhin kommt die Tram sofort.

