Er muss etwas an der Schilddrüse haben, denke ich mir, während er nach mir das pastell-plüschige Café in der Maxvorstadt betritt. Sein Hals ist kropfartig geschwollen, auf die ungesund Art, nicht wie ein gut genährtes Doppelkinn. Das ist es aber nicht, weshalb meine Augen immer wieder zu ihm wandern. Er ist groß, breit, im legeren Schwarz gekleidet und trägt eine harte Hornbrille. Ende 50, schätze ich ihn. Eine Mischung aus engagiertem Künstler und ewigem Rockebilly. Der dicke Bruder von Tim Burton, der es nie aus dem Schatten des Batman-Regisseurs geschafft hat. So einer gehört nach Hamburg, nicht in die Münchner Schickeria.
Wir sind wie nasse Regenschirme im Eingangsbereich abgestellt und warten. Alle Plätze sind belegt, die nächsten Gäste müssen sich stehend gedulden.
›Kann ich mich dann zu dir setzen?‹ fragt er mich mit Blick auf den gleich frei werdenden Tisch. Ich nicke und freue mich wie ein Schneekönig – oder besser, wie Winona Ryder, als es Edward mit den Scherenhänden beim Icesculpting für sie schneien lässt. Dieser Cafébesuch hat meine Erwartungen schon jetzt übertroffen. Während er mich weiterhin duzen wird, bleibe ich die ganze Zeit über beim ›Sie‹. In meinem Kopf sitzt mir nun mal ein Viertel Tim Burton gegenüber.

Zunächst nehmen wir an dem Vierertisch noch schräg versetzt voneinander Platz. Weil ich ein Foto von meinem Kuchen machen möchte, erkläre ich ihm. Doch nachdem der Kellner unsere Bestellung aufgenommen hat, rückt er auf seiner Sitzbank auf meine Höhe und eröffnet unvermittelt das Gespräch.
Er kommt aus der Musikbranche, fängt er an zu erzählen. Producer. ›Und Yogalehrer war ich auch mal. Aber das ist lange her.‹ Sein Genre ist Ethno-Electro und natürlich brennt es mir auf der Zunge zu fragen, ob man seine Arbeit kennen könne? Ob er auf Spotify sei? Auf Instagram ist er jedenfalls nicht, klärt sich schnell, und zerschlägt so meine Hoffnung, mich unauffällig an seine musikalischen Künste heranpirschen zu können – ohne stumpf eine der beiden anderen Fragen stellen zu müssen. Denn mit der Kunst ist es wie im Leichenschauhaus: Die bittere Wahrheit kann einen kalt erwischen.
Freilich gibt es erfolglose Anwälte und auch nicht jeder Arzt oder Ärztin darf sich in dem beruflichen Ruhm sonnen, wie sie es im tiefsten Inneren erträumen. Doch in keinem anderen Bereich des menschlichen Tuns klafft der Graben zwischen Erfolg und verzweifeltem Anrennen gegen die Bedeutungslosigkeit so weit auseinander, wie im Bereich der Kreativität. Selbst ein mieser Bäcker macht wenigstens noch satt.

Unsere Bestellung kommt. Wir beide klappern mit unserem Geschirr.

Wahrscheinlich, befürchte ich, sitzt mir ein Leib- und Seelen-Kreativer gegenüber. 24/7 Hans-Dampf-auf-allen-Bühnen. Nur mit dem Durchbruch hat das nie so ganz geklappt. Zu speziell ist seine Musik. Zu verkopft. Oder zu sehr für die Sinne. Zu edgy jedenfalls. Und die Masse hat ja eh keine Ahnung von echter Kunst.
Andererseits macht er auch keinerlei Anstalten und mich somit stutzig, seine Arbeiten stolz präsentieren zu wollen. Gehört ein bisschen Werbung in eigener Sache nicht zum guten Ton des Klapperhandwerks? Das kann doch jetzt kein höfliches Understatement sein und er hat in seinem Münchner Loft schon Samples für Jay-Z oder wenigstens Robin Schulz gebastelt.

Mein Food-Foto für Instagram wird leider weniger gelungen, als beim ersten Umsehen im Café erträumt. Dafür müsste ich den Producer bitten kurz nach rechts und aus dem Bild zu rücken. Doch lieber People-Please ich mich aus der unangenehmen Situation, indem ich den Winkel vom Fotoapparat zum Kuchen ändere und mir die Gardine im Hintergrund schön denke, anstelle des gewünschten bonbonfarbenen Pastellgrün der Plüschbank. Ich fürchte, ein bisschen sitze ich mir selbst gegenüber.

Das Café, das habe ich noch gar nicht erwähnt – tue ich aber, um schnell abzulenken – ist eine Augenweide. Sanfte Farben, kuschelige Sitzsessel, dazu geschwungene Linien und als Wandtapete das Neue Schloss der Bayreuther Eremitage. Echter Vintage von 1955. Damals von einem Herrn Eugen Heiden entworfenen und heute unter Denkmalschutz stehend. Sogar mein Himbeer-Schmandkuchen ist seine Bestellung wert. Ich fühle mich wohl, stelle mir so ein Interieur aber eher in Köln vor, als links von Schwabing. Den ewigen Rockebilly freut’s offensichtlich auch seine Untertasse auf Resopal abstellen zu können. Vielleicht schenkt ihm die konservierte Umgebung ja einen lichtgrünen Schimmer der Vertrautheit – weil doch damals noch so viel möglich gewesen war.

›München war bis in die Mitte der 90er ein echter Hotspot. Dann sind alle nach Berlin und von keinem hat man mehr irgendwas gehört,‹ seufzt er auf seinem Apfelkuchen kauend, war aber gerade selbst zwei Wochen in der Hauptstadt. Bei einem Musikerkumpel. Aber wie Berlin so ist: Arbeitsleben und Freizeit gehen da nahtlos ineinander über. Morgens um 11 aufstehen und bis in den späten Abend wilde Debatten führen. Und wenn in München die Bürgersteige hochgeklappt werden, fängt an der Spree der Arbeitstag erst an. So bis 3, halb 4 morgens. Und der ganze ruhelose Schlamassel beginnt von vorne. Er aber, er – wir haben uns nie vorgestellt und so wird er für immer der namenlose Fremde in dieser weißblauen Bavaria-Geschichte bleiben – er auf jeden Fall ist in einem Alter, wo man nur noch ›ausklingt‹. Hat er so gesagt. Wie den Tag ausklingen lassen und ich frage mich, wann ich in dieses Alter komme oder ob ich nicht schon längst drinnen stecke? Nur von was soll ich denn ausklingen? Ich war ja höchstens nur mal auf ›halblaut‹.

›Halblaut‹… Nichts Ganzes und nichts Halbes. Der Fluch des ewigen ›sowohl‹ und ›weder noch‹. Wenn du in diesem Halbfeld stehst, in der schwerelosen Mitte zwischen intrinsischer Leidenschaft und müder Resignation des sich nicht einstellen wollenden Erfolges, dann bist du Wile E. Coyote auf der kafkaesken Jagd nach dem Roadrunner. In der Szene, in dem dich der Rennvogel mal wieder komplett verarscht hat und du mit Anlauf über die Kante der kilometertiefen Schlucht gerannt bist. Genau auf halber Strecke wird dir dann die Bodenlosigkeit deines Momentes gewahr und du stürzt sekundenlang in die Tiefe. Nur wir Kreative wollen diesen Schmerz des Aufpralls nicht. Wir sind ja Künstler geworden, um genau vor diesem oder einem anderen Schmerz zu fliehen. Also rudern wir mit den Armen, als Ertrinkender im luftleeren Raum. In der Hoffnung länger stehen bleiben zu können als eine Cartoonfigur. Nur zwei, drei Sekunden, die in wirklich Monate oder Jahre, auf jeden Fall dutzende Projekte und unzählige Ideen sind.

Zügig nippt er seinen Kaffee leer, hat aber noch das halbe Stück Apfelkuchen vor sich stehen. ›Schmeckt wie von Oma‹, ist er voll des Lobes und findet Omas so oder so eine Klasse für sich – bestens vernetzt und ausgepufft. Wir reden noch über die Gegenwart, die Sozialen Medien und tatsächlich erwähnt er auch die Serie ›Wednesday‹, womit wir wirklich noch zu Tim Burton, dem ewigen Dark-Romance-Visionär kommen. Vieles ist aber nichts mehr für ihn. Er ist ja am ›ausklingen‹.

Je mehr wir den Boden unserer Tassen sehen, verflacht unser Gespräch, kommt es mir vor. Für mich ist es daher an der Zeit weitere Ecken von München zu erkunden. Wir wünschen uns gegenseitig noch einen schönen Tag und ich gehe vor zum Bezahlen. ›Bestell bitte noch einen Kaffee für mich,‹ gibt er mir zum Abschied mit. Mache ich auch und hebe beim Hinausgehen noch einmal die Hand in seine Richtung. Er nickt. In Hamburg gehört so eine Begegnung sicher zum Alltag. Auf der Schanze, dem kreativen Grand Canyon Norddeutschlands. Oder wenigstens in Köln. Wo auch immer man der Zeit genauso enteilen kann, wie der Roadrunner dem Kojoten.