Rom, Stadtteil Celio. ›In dubio pro dubiosus!‹ geht es mir meiner antiken Umgebung entsprechend durch den Kopf. ›Im Zweifel für den Zweifler. Wie ist das denn jetzt, mit den literarischen Reportagen?‹. Verunsichert blinzele ich in die tief stehende Sonne, die so hart in mein Gesicht scheint, als würde ich in einem Verhör sitzen. Geschrieben habe ich immer gerne, doch bis auf eine Handvoll brauchbarer Kurzgeschichten verließ wenig lesenswertes meine Tastatur. So wirklich brannte das Feuer des fiktionalen Erzählens ohnehin nie in meiner Feder. Das Konstruieren eines Plots war mir ein Graus. Zudem gibt es 8 Milliarden Menschen auf der Welt. Da musste ich nicht noch welche hinzu erfinden.
Doch wie weiß ich, ob das beim bloßen Beschreiben meiner Beobachtungen anders sein wird? Kommen mir die Zeilen dann leichter zu Papier? Und finden sie dann auch ihr Publikum? Ein Höchstmaß an öffentlicher Aufmerksamkeit fließt literarische Reportagen in der Regel nicht zu. Eng verwandt mit der Reiseliteratur sind beide die leisen Brüder der großen Romane.
Apropos ›groß‹: Der Weg am Circus Maximus vorbei zieht sich. Unten auf der Fläche werden Pferde zu Showzwecken durch die Manege geführt. Nicht nur damals, auch jetzt gerade.

Bis zur Ponte Palantino nagt an mir die Frage, was, wenn das alles hier nicht klappt – das Aufzeichnen flüchtiger Augenblicke, das Beschreiben von Begegnungen und Beobachtungen? Wenn sich diese Form des literarischen Ausdrucks ebenfalls im Sand der tausend Anfänge verläuft? Auf der Brücke selbst zerrinnen die Gedanken stromabwärts und ich blicke auf das ruhige Fließen des Tibers. Was muss dieses Wasser in all den Jahrtausenden an seinen Ufern schon gesehen haben?

Mein Weg führt ins Viertel Trastevere zum Piazza Di San Callisto. Eine versteckte Ecke im Schatten einer Ausgehmeile. Die dortige Bar gleichen Namens ist ein Tip von Jonas, eine Straßenbegegnung aus Heidelberg. Die Barterrasse ist bis auf den letzten Platz gefüllt und ich entdecke einen uralten Mann, der zwei jungen Mädchen zuprostet. Eine davon, mit orientalisch anmutendem farbigen Oberteil und einem ornamenthaft geschwungenem, silbernen Oberarmreif ist mir schon untertags in den engen Gassen der ewigen Stadt aufgefallen. Auch Rom scheint nur ein Dorf zu sein.

Die Bar selbst erinnert mich eher an eine, in die Jahre gekommene Bahnhofskneipe. Sehr schmucklos und ohne Grandezza. Im nahezu leeren Nebenraum, der wahrscheinlich der eigentliche Gastraum ist – aber wer benötigt so etwas im stets warmen italienischen Sommer – sitzt ein einzelner Afrikaner an einem, zum Fenster gerückten Tisch und blickt ununterbrochen auf sein Handy.

Vor den offiziellen Terrassenplätzen haben es sich fünf ältere Männer in Monoblocs um einen einzelnen Tisch gemütlich gemacht. Direkt neben den Mülleimern. Sie rauchen, trinken Bier und zwei von ihnen spielen Karten mit italienisch-spanischem Blatt. So alle Mitte Sechzig. Durchweg graue Haare, unter denen sich aber noch die kohlschwarzen Jahre mit ihrem einst jugendlichen Feuer verbergen. Alle braun gebrannt. Alle ihr Leben lang körperlicher Arbeit nachgegangen.
Zwei Schritte daneben wartet eine etwa 19-jährige mit dunklen, schulterlangen Haaren auf ihre Begleitung. Selbst in der Masse jener, für das Abenteuer der Nacht herausgeputzter Menschen, sticht sie besonders hervor. Rote, eng anliegende Jeans, schwarze Cowboystiefel und ein Shirt mit dem Konterfei des jüngst verstorbenen Alain Deloin. Ein schwarz-weiß Porträt auf weißem Cotton.
Ausgerissen aus einer Modezeitschrift trieb sie die durch die engen Gassen, bis sie sich in der Menschentraube hier verfing. Eine junge Römerin, die ihre Stadt hasst. Erst heute ist sie aus Paris gekommen, wo sie mittlerweile lebt. Eine Ort voller Luft und Weite. Paris, j’taime! Der Champs Élysées als Landebahn für große Träume. Noch keinen Tag wieder daheim, schon schnürt es ihr die Kehle zu.
Mehr Worte traue ich mich nicht mit ihr zu wechseln und verfluche meine miserablen Fremdsprachenkenntnisse.

Alain Delon – das passt zu der, auf den Punkt gestylten jungen Frau – ist in der Welt des Kinos der personifizierte Ausdruck von kühler Schönheit. Im SPIEGEL-Nachruf von Arno Frank schrieb der Autor, dass der Schauspieler eine Gabe hatte, wie kein Zweiter: »Blicke werfen, mal wie Wurfsterne, mal wie Blütenblätter.« Unvergessen und perfekt in Szene gesetzt im blassblauen Krimiklassiker ›Der eiskalte Engel‹. Mir waren die linkischen Boxschläge seines Kumpels Jean-Paul-Belmodo seit jeher viel lieber. Dem schien immer die Sonne aus dem Gebiss.

Nachdem auch ich mir ein Getränk geholt habe schaue ich zum ersten mal bewusst auf das Motiv eines Werbeplakates seitlich der Bar. So groß, dass es um ein Fenster geklebt wurde und bis hoch zur Ecke eines daneben befindlichen Torbogens geht. 21 Menschen, abgebildet in einer Barszene. 18 küssen sich, zwei dürften dies gleich ebenfalls tun. Was rede ich, sie küssen nicht, sie knutschen. Fallen übereinander her. Graben ihre Finger in den Hintern des anderen oder schlingen ihre nackten Beine um die Hüften ihres Gegenüber. Ihre Liebe flutet die Piazza.
›MI UCCIDE UN BACIO ALL’IMPROVVISO‹ schreit in Großbuchstaben die Headline. ›Ein Kuss bringt mich plötzlich um‹. Das Plakat bewirbt die Bar selbst. Richtig verstehen kann ich den Zusammenhang aber nicht. Doch mir gefällt das Gewimmel. Die ganzen küssenden Menschen, vor grellgelbem Hintergrund.
Nur eine weißhaarige Nonna, links neben dem ausgesparten Fenster, hält sich eine kleine Einwegkamera vors Auge und fotografiert mich direkt ab – wie ich vis-a-vis der Bahnhofsbar auf den Stufen irgendeiner Kirche sitze und mein Bier trinke.

Die Werbung hat etwas hartes, sehr direktes. So schnörkelos. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied von Rom und Paris. An der Seine sind die Küsse zarter, flüchtiger. Oben am Sacre Coeur, mit einem rosafarbenen Himmel über dem Eiffelturm.

Später dann, die Sonne ist längst nicht mehr Teil des lebhaften Gewusels, singt paar Straßen weiter ein Cowboy in Lederweste und nackten, muskulösen Oberarmen ein Gute-Laune-Cover-Medley, mit eigener Gitarrenbegleitung. ›La Bamba‹, ›Sarà perché ti amo‹, all das. Über hundert Menschen auf der Piazza Trilussa heben ihre Arme in die Höhe und tanzen mit. Die Euphorie weht meine allerletzten Zweifel rüber in das Wasser des Tibers. Hauptsache schreiben. Hauptsache immer weiter. Da fällt mir ein Zitat des eiskalten Engels ein, an der Stelle, an der er gerade im Begriff ist eine Pokerrunde zu verlassen: »Ich verliere niemals. Niemals wirklich.« Und zwei Wurfsterne landen zwischen Karten und dicken Geldbündeln.