›und vielleicht vergesse ich nie, wie Du gelacht hast‹ steht auf dem kohlschwarzen Sarg mit bunter Kreide. Pastellfarbige Luftschlangen wellen sich um die händisch geschriebenen Buchstaben und knicken bei den geometrischen Linien des stark geflämmten Holzes ab. Eine ungewöhnliche Schaufensterdekoration für ein Bestattungsunternehmen, passt aber mit seinem ›Día-de-los-Muertos‹-Look gut zur direkten Nachbarschaft, wo es um die Ecke in der ›Fröhliche-Türken-Straße‹ den ›Manga-Mafia-Store‹ gibt.
›Plan b‹ nennen die beiden Inhaberinnen ihr Bestattungshaus in Regensburg, ganz so, als ob wir beim Tod eine Wahl hätten. Getrocknete Pflanzen und sanfte Farben bringen einen Hauch Yoga-Wellness in den irdischen Fatalismus der Vergänglichkeit. Wenn schon sterben, dann mit einem tiefen ›Aaahhhh‹ zwischen erdigem Orange.
Mir gefällt der ungewöhnliche Ansatz, ebenso die Optik der Geschäftsräume. CI, Corporate Identity nennt die Gestalterwelt das: Design plus Philosophie. Mit dem Tod möchte ich dennoch so bald nichts zu tun haben.
Ein paar Straßen locken zwei wundervolle Kaffeehäuser, die sich quasi vis-a-vis in die Augen schauen. Beide im Schatten der Dreieinigkeitskirche. Als erstes besuche ich das Café Weichmann, das dem Kunsthandwerker Rudi Weichmann und seiner Frau Helga, einer Fotografin, gewidmet ist. In den Souterrain-Räumlichkeiten trieb Rudi einst einen rohen Klotz Metall zu filigranen Figuren. Jetzt stehen, hängen oder liegen einige seiner Arbeiten als Ausstellungsstücke in den Gewölberäumen. Zwischendrin einige Wüsten-Fotografien von Helga. Beim Hineingehen nahm ich noch an, Ehepaar Weichmann hätte das Café selbst jahrzehntelang betrieben, weil alles so stimmig ist vom Interieur. Viel Schwarz, dunkles Holz, Rudis Skulpturen in 50er-Jahre-Sakralästhetik. Wie überhaupt in allen Ecken und Bögen dort ein wenig Nachkriegs-Katholizismus durchschimmert. Aber das Café ist erst neun Jahre alt. Rudi und Helga schon lange tot und die Pächter, drei Brüder, fleißig am Gäste bewirten. Derjenige, der mir am Morgen mein Avocado-Brot brachte, wird mir am Abend auch meinen Cocktail gemixt haben. Welch elend-lange Arbeitsschichten.
Besonders schön, so ist das, wenn Grafiker auf Entdeckungsreise gehen, ist das Logo des ›Weichmanns‹. Neun Punkte – über jeden Buchstaben einen – verzieren den Nachnamen. Als wiederholendes Element sind sie als goldfarbene Kreise in die dunklen Holztische im Gastraum eingelassen. Zucker!
Seitenwechsel in die gegenüberliegende ›Cafebar‹: Diese mag weniger mit einer durchdachten Gestaltung bestechen, sondern lieber mit einer großen Portion, leicht abgeranztem Dolce Vita-Flair. 40 Jahre gibt es die Lokalität schon, die erst ein paar Tage vor meinem Besuch ihr Jubiläum gefeiert hat.
Konrad am Nebentisch schaut so aus, als säße er seit den Eröffnungsfeierlichkeiten hier. Tief sitzende Kappe, graue Haare, grauer Bart. Auf den ersten Blick habe ich ihn für einen Obdachlosen gehalten. Vielleicht ist er Teil der Einrichtung, vielleicht der gute Geist des Kaffeehauses. Gut möglich, dass er auch nur ein vom Domdach gefallener Spatz ist. Mit einem winzig kleinen Cappuccino-Löffel zieht er eine komplette Packung Schwarzwälder Kirsch-Eis vom Edeka weg.
Die ›Cafebar‹ ist einer klassischen, italienischen Caffèteria nachempfunden, mit Marmortheke, kleinen Stehtischen und hohen Barhockern. Die Weinkarte ›Bianco e Rosso‹ wurde mit schwarzem Edding auf die weißen Fliesen gemalt. An manchen Stellen hat die Keramik schon etwas gelitten. Die Sitzflächen ebenso.
Konrad löffelt den letzten Schokoschmelz aus der Plastikschale.
»So viel Zucker auf einmal ist ja nicht gut,« murmelt er. Ist ihm aber egal, weshalb er von dem weißen Zeug noch ordentlich in seinen Cappuccino kippt.
Mittlerweile hat er aus dem Flur zu den Toiletten ein Schachbrett geholt, was er umstandslos und schweigsam zwischen sich und seinem Gegenüber aufbaut. Sein ›Chessmate‹ trägt einen blauen Hoodie, graue Haare sowie eine schwarzgerahmte Buddy-Holly-Brille. Die Frisur lässt eine Tolle erahnen. Beide wahrscheinlich ähnlicher Jahrgang. Während die ersten Bauern über das Feld stolpern, erzählt der Mann im blauen Hoodie, dass er sich gerade für einen Italienischkurs angemeldet hätte. Doch viel lieber würde er sein Französisch vertiefen wollen. Aber eine gewisse blonde Dame drängte ihn zu italienisch und jetzt muss er sich mit -are, -ere und -ire herum schlagen, anstelle -ons, -ez und -ent. Konrad nickt stumm.
Springer, Läufer und Co sind im Braun der Kaffeetassen gehalten – beim Gegner im Beige der Crema. Die Figuren ziehen im Takt des Cappuccino-Nippens übers Feld. Konrad hat sich auf Buddy Hollys Türme eingeschossen.
Ein dritter Mann höheren Alters gesellt sich an die Hochtische und setzt sich zwischen mir und dem Brettspiel der Könige. Bart, Brille, streng zurück gekämmte Haare, Schmerbauch unter dem bordeauxroten Hemd. Typ kauziger Hochschulprofessor. Eine neongrüne Papierserviette spickt als Einstecktuch sein mausgraues Sakko. Wahrscheinlich eher aus praktischen Gründen, nicht der Ästhetik wegen. Er nestelt mühsam einen Stapel frisch gekaufter Klassik-CDs aus einer Tüte, trinkt seinen Cappuccino und macht fauchige Geräusche. Unschlüssig bezahle ich meine Bestellung und frage mich, was mich mehr irritiert: sein Fauchen oder die Tatsache, dass irgendwer noch CDs kauft? Die nehmen daheim doch nur Platz weg.
›Ich hasse Dinge‹, stellt Magdalena zunächst mal klar und lacht. Sie ist eine der beiden Bestatterinnen und wir telefonieren Wochen nach meinem Regensburgbesuch über Zoom miteinander. Gestorben wird immer und daher war ihr Laden über die Dauer meines Aufenthaltes geschlossen. Außerdem organisierte sie zu dieser Zeit zufälligerweise eine Ausstellung über Erbe und Nachlass. ›Was passiert mit deinen Dingen, wenn du tot bist?‹ lautet das Motto und dafür haben Magdalena und ihr Team 10.000 Dinge eingesammelt, die hübsch nach Farbe sortiert im Ausstellungsraum aufgebaut worden sind.
Als ich zu einem Leseabend durch die Tür komme, liegt alles kreuz und quer auf dem Boden verstreut. Meist belangloses Flohmarktgerümpel, das im alten Leben schon lange überflüssig war, im neuen aber bitte doch einem armen Menschen etwas Gutes tun soll.
›Unser Konzept sah vor, dass Menschen, ob bedürftig oder nicht, sich aus der Sammlung bedienen können. Wertvolles, wie Elektrogeräte, konnten ganz zu Beginn ersteigert werden. Danach durfte jeder frei zugreifen.‹
Die Bravo Hits 17 mit Rammsteins ›Engel‹ oder Nanas ›Lonely‹ halte ich zwei mal in meinen Händen und überlege, sie mir spaßeshalber mitzunehmen. Nur was fangen dann meine Erben damit an?
Magdalena erzählt weiter: ›Bei der freien Entnahme ist uns aufgefallen, dass die Menschen immer unachtsamer wurden, je unordentlicher die Gegenstände herum lagen.‹
›Vielleicht liegt das ja in der Natur des Menschen‹, versuche ich das einzuordnen. ›Was unordentlich ist, muss wertlos sein. Und was wertlos ist, mit dem kann unachtsam umgegangen werden. Oder den Menschen fehlt die Kraft für Ordnung.‹
›Dinge zu verwalten ist jedenfalls anstrengend,‹ zieht Magdalena Bilanz. ›Schon alleine nur im Ausstellungsraum gewesen zu sein, hat Kraft gekostet. 10.000 Dinge! Die muss dein Hirn erst mal verarbeiten! In unserer Teamgruppe machen wir uns seit dem nur noch Geschenke, die sich aufbrauchen lassen. Wie gutes Essen. Es gibt so viel gutes Essen,‹ freut sie sich.
Der Punkt geht an sie. Sogar die Toten haben dann was davon. Befindet zumindest der mexikanische Volksglaube! Die Verstorbenen, ist man fest am Rio Grande überzeugt, ernähren sich im Jenseits vom Duft des Essens aus dem Diesseits. Daher tischen die Hinterbliebenen am Día-de-los-Muertos besonders intensiv riechende Speisen auf. Auch stark duftende Blumenbouquets dürfen nicht fehlen.
Am Tag meiner Regensburg-Abreise, kurz nach Acht morgens, schaue ich noch einmal in der Cafebar vorbei. Hier riecht es ebenfalls wunderbar. Junge Studierende stehen vor den großen Fenstern und schlürfen an ihren Cappuccinos. Ich setze mich aber rein. Früher war das mal eine Metzgerei gewesen, steht um die Ecke in einem eingerahmten Zeitungsartikel. Daher also noch die Fliesen an den Wänden.
Konrad fegt durch die Tür, sagt Servus, dann verschluckt ihn der inoffizielle Bereich hinten bei den Toiletten.
Später, da sitzt er vorne an der Tür und blättert in der Tageszeitung, weiß er auf meine Frage nicht mehr, wer gestern beim Schach gewonnen hat. Ihm gehe es nur um den Spaß an sich. Ich bedanke mich höflich für seine Auskunft und wünsche ihm einen schönen Tag. Ob er als Kind hier kleine Stücke Fleischwurstkringel geschenkt bekommen hat?
Regensburg jedenfalls besticht durch eine begeisternde Gastroszene, resümiere ich und plane in Gedanken meinen nächsten Besuch. Und auch wenn ich keines der 10.000 Dinge in meinen Koffer gepackt habe, schon gar nicht die Bravo Hits, nehme ich doch ein immaterielles Bonmont als Souvenir mit in den ICE zurück nach Leipzig. Auf einem zerfledderten Kalender aus dem letzten Jahr, er war irgendwo bei Rot sortiert gewesen, stand: ›Gerade hatte ich mich an Gestern gewöhnt, da kommt schon Heute‹. Von Ashleigh Brilliant, einem amerikanischen Cartoonisten und Epigrammatisten. Der, das ist jetzt gespenstischer Zufall, starb exakt 13 Tage bevor ich an Magdalenas Schaufenster mit dem pastellbunten Kohle-Sarg vorbei lief. Mögen seine Erben immer etwas gut Duftendes auf dem Herd stehen haben.

