›Ich könnte aufhören mit den Drogen, wenn ich will,‹ kratzt es im Retortenbeat aus einer Bluetoothbox am Bahnhofsvorplatz. ›Ich könnte auch aufhören mit dem Pogen, wenn ich will.‹ Zwei Zeilen später revidiert der Rapper Ruffictions seine Überlegung und wird dem Tanz- und Suchtvergnügen doch keinen Einhalt gebieten.
Gleich hinter der arbeitsaversen Bier-und Bahnhofs-Atmosphäre beginnt das Glacis, ein schmucker Grünstreifen entlang der ehemaligen Festungsanlage. Sogar ein See lädt zum kontemplativen Verweilen ein. Dann umgreifen die beeindruckenden Gründerzeitvillen der August-Bebel-Straße den historischen Stadtkern Torgaus wie einen goldenen Armreif.
Torgau liegt mit der S-Bahn eine knappe Stunde von Leipzig entfernt, der Regionalexpress ist 15 Minuten schneller – fährt allerdings nur alle zwei Stunden. 20.000 Einwohner zählt das, an der Elbe gelegene Städtchen. Selbst Napoleon war schon angetan und sehr viele Jahre später schüttelten sich Russische und Amerikanische Soldaten zum Sieg über Hitler hier die Hände.
Die sächsische Kreisstadt atmet Geschichte, das macht sie attraktiv für einen Ausflug. Keine Frage. Dennoch wirkt es beim Flanieren durch die Altstadt so, als rinne ihr die Zeit durch die Finger, wie dem Böttcher seine Gulden. Neben liebevoll renovierten Gebäuden stehen Häuser mit seufzender Fassade. Nicht wenige stehen leer oder fallen fast ganz in sich zusammen. Mindestens zwei Dutzend Leerstände im ganzen Innenstadtbereich. fallen mir zu meinem eigenen Entsetzen auf. Die Stimmung in den Gassen fühlt sich nach einer längst entglitten Biografie an. Freitag Mittag ist die Fußgängerzone genauso leblos, wie eine Puppe, mit der niemand spielt.
Letztere wäre wohl in Deutschlands ältestem Spielzeuggeschäft gekauft worden, oben am Markt. ›Carl Loebner, seit 1685‹. Immer noch im Familienbesitz und per Definition ein Ort zum Träumen. Doch das blecherne Regalsystem, in dem Lego, Playmo und Disneys Eisprinzessin feil geboten werden, besitzt den Charme einer Kindheit mit vollen Aschenbechern und Prügelstrafe. So 70er-Jahre Garage. HB-Männchen statt He-man und Barbie.
Ich bin ein Snob, ich weiß. Ein heile-Welt-Waldorfkind. Gut bürgerlich behütet aufgewachsen, mit Familienfrühstück am Sonntag und Roald-Dahl-Büchern vorgelesen bekommen. Aber das älteste Spielwarengeschäft Deutschlands kann doch nicht nur in meiner Fantasie der feuchte Traum eines jeden Filmausstatters sein. Oder Sammlerfan. Oder Influencer. So wenig Liebe …
›Onlinehandel‹, schätzt die Dame in der Touristeninfo als Hauptschuldigen für den Leerstand rings um den Markt und deutet mit ihren Händen die Geste von Smartphonegetippse an. Doch daran kann es ja nicht nur liegen, wie das ›Café Altstadt, Liebenswertes aus alter und neuer Zeit‹ beweist. Guten Kuchen kauft man schließlich selten bei Jeff Bezos. Leider erspähen meine Augen hinter dem staubigen Schaufenster keine Eierschecke oder Schwarzwälder Kirsch, dafür zerschlissenes Sofagerümpel und auseinander genommenes Holzfurnier. Das Café liegt keine zehn Schritte vom Markt entfernt in einer Seitengasse. Zweitbeste Lage. Was der einstige Schlemmertempel aber doch zu bieten hat, ist eine rauchende Frau am Fenster, ein mühsam geflicktes Herz und eine barbusige Dame in gelben Stoff gehüllt. Allesamt Linolschnitte der Künstlerin und Journalistin Julia Tiedke.
Ein paar Wochen später treffe ich Julia gegenüber den Schrebergärten, die im Schatten der Stadtmauer angelegt wurden, im Café ›Stadtidyll‹. Bei Cappuccino und heißer Schokolade kommt sie ins Erzählen: ›Als der Leerstand irgendwann ein nicht zu übersehendes Merkmal von Torgau wurde, kam die Innenstadtmanagerin mit der Idee einer Altstadtgalerie auf mich zu. Da oben im Café selbst war ich aber nie. Das steht auch schon lange leer.‹ Julia trägt ihre dunklen Haare zum Zopf gebunden und kommt dem Typ ›Rockebilly‹ relativ nahe.
›Es kommt kaum etwas neues nach. Die Mieten in der Innenstadt sind aber auch viel zu hoch. Das sagen auch einige Gewerbetreibende selbst‹, erinnert sie sich.
Dabei gibt es jede Menge Potential. Drüben am Hafen hat Villeroy & Boch eine Produktionsstätte samt Werksverkauf. Wieso kein Flagship-Store direkt neben dem Rathaus? Allein der Stadtname ist Programm. ›torg‹ bedeutet im altsorbischen ›Markt‹. Torgow (Torgau) ist also ein Marktort. Vielleicht war auch das der Grund, weshalb der ortsansässige Hofbäcker Heinrich Drasdo 1429 erstmals Stollengebäck mit Butter und Trockenfrüchten veredelte und den Christstollen zu dem machte, wie wir ihn heute kennen. Aber wer fährt die Lorbeeren ein? Dresden! Hier im Ort befindet sich keine Hofbäckerei von anno dazumal, um mit zuckrig-fettigen Historien-Häppchen Touristen zu ködern.
Im Schloss Hartenfels beispielsweise. Mit Sitzgelegenheiten im Hof. Ein prachtvolles Renaissanceschloss, fertig gestellt im 16. Jahrhundert. ›Es handelt sich um das größte vollständig erhaltene Schloss der Frührenaissance Deutschlands und eines der Hauptwerke der Sächsischen Renaissance,‹ sagt Wikipedia. Ich sage, der cremefarbene Wendelstein, der sich mitsamt seinen blauen Verzierungen den Südflügel empor schraubt, ist ein heimlicher Muezzinturm aus 1001 Nacht – vor 400 Jahren eingetauscht gegen eine Schiffsladung Torgauer Butterstollen. Nicht zufällig erinnert deswegen die Mittelsäule der Treppe an einen in sich gedrehten steinernen Churro – und die Unterseite der Stufen an zartblättrigen Schichten eines grauen Croissant. Das ist natürlich Quatsch und nur meine Hobbybäcker-Assoziation. Doch dass es hinter der Eingangspforte optisch eher in einen Hamam gehen könnte, als ins Landratsamt, ist tatsächlich so.
Währenddessen erklimmt eine Schulklasse schreiend die drei Etagen des Turms. ›Man, ich hab Höhenangst!‹ schimpft eines der Kinder.
Oben auf den schwarzen Zinnen hat jemand mit weißem Edding ›Pogopunk Forever‹ geschrieben. Der Bahnhofsvorplatz lässt grüßen.
Ganz unten aber, auf der Rückseite des Treppenfußes – das sehe ich erst im allerletzten Moment beim Hinabsteigen – schneidet Delila in einem Steinrelief Samson die Haare und der ganze Schlamassel beginnt.
Cecil B. DeMille drehte einst einen Monumentalepos über die beiden; 1949, im Gründungsjahr von BRD und DDR. Hier im Schloss filmte die Defa nur einmal ein Dornröschenmärchen. 1971 war das. Seitdem hat Torgau dieses piefige Dornröschenschlaf-Image nicht ganz abschütteln können. Allerdings fliegen die Menschen auch heute lieber ein Wochenende nach Paris, als die Nachbarschaft zu erkunden. Ist vielleicht Instagram-tauglicher als staubiger Leerstand.
›Ein träges Stadtmarketing trug lange Zeit zu dieser Misere bei‹, erzählt mir Julia. Wobei es auch schwer sei, dagegen anzukommen. ›Diese dunkle Innenstadt abends. Kaum Leuchtreklamen oder helle Schaufenster. Das wirkt nicht verschlafen, das ist komatös.‹ Sie schüttelt den Kopf.
A propo ’49 und komatös, denke ich mir am Ende meiner Tour! Abseits von Markt und Schloss gäben einige kahlen Gassen der Altstadt einen perfekten Schauplatz für einen Nachkriegsfilm ab. Der Sturm ist vorbei, Friede ist jedoch noch nicht eingekehrt. Nur Stille und bröckelnder Putz. Einzig Opel, Audi, Ford und Seat verraten die Gegenwart inmitten dieser sepiafarbenen Kulisse. Traurig kämpft sich etwas Unkraut durch die Bordsteinkante hoch.
›Schmeiß den Job und die Karriere, ich will schlafen bis ich sterbe. Mach mal weiter deine Arbeit, ich starr‘ weiter in die Leere.‹ rappt Ruffiction in seinem Song ›Wenn ich will‹ weiter. Nicht gerade aufbauend.
Da frage ich mich, wie viel das Ausbluten der Städte mit der Frustration der Menschen im Lande zu tun hat? Und wie viel davon selbst verschuldet ist, weil es uns letztlich immer nur um unseren eigenen Vorteil geht?
Ich bin wieder mitten in die Torgauer Trostlosigkeit gerutscht und schlurfe betröbbelt an einem entzückend-klassizistisch, aber leerstehenden Bürgerhaus vorbei. Vor nicht all zu langer Zeit beherbergte das Sonnengelben Gemäuer eine Buchhandlung, klärt mich Arno Carius auf, der Schumacher vis-a-vis. Ein sympathischer Mann mit grauen Schläfen und unerschütterlicher Spitzbübigkeit. Im Hinterhaus richtete er vor 10 Jahren ein kleines Schuhmuseum ein, durch das er mich heute bereitwillig führt. ›Wenn die Stadt auch so’ne Macke hätte wie ich, dann würden wir alle in den Schatten stellen,‹ ist er sich sicher. Und das ist als Liebeserklärung an Torgau zu verstehen.
Man könnte mit den unrettbar verlorenen Bauruinen in der Altstadt beginnen und nachdem man sie abgerissen hat lauschige Grünflächen dort anlegen. Dazu die parkenden Autos in ein kostenloses Anwohner-Parkhaus verbannen und auf dem frei gewordenen Kopfsteinpflaster Blumenkübel verteilen. Ja, manche würden bei den Veränderungen die Krise kriegen, weil sie sich nicht eingestehen wollen, dass damit das Städtchen wieder Aufwind bekäme. Aber das kann mir egal sein, wenn ich mir in der neu gegründeten historischen Hofbäckerei meinen Torgauer Christstollen schmecken lasse.
Nur wird das alles leider nicht so kommen, prognostiziert Julia zu dem ganzen Leerstandsdrama vor Ort. ›Es scheitert am Kapitalismus,‹ Dann fügt sie noch fast entschuldigend an: ›Meine, nicht-fachfrauische These.‹
Wahrscheinlich hat sie recht. Irgendwie stellt er sich doch manchmal selbst ein Bein, der gierige Kassenwart der Menschheit. Dabei schlösse das eine, das andere doch nicht aus. Leidenschaft und Lappen. Schönes und Schotter. Paris und Torgau.
Beim Weg zurück zum Bahnsteig sinniert aus der Bluetoothbox mittlerweile Andreas Gabalier über etwas ›Hulapalu im Mondscheinlicht‹. Bis es dunkel wird möchte ich nicht in Torgau bleiben. Zu komatös. Aber gut zu wissen, dass die Hoffnung für ›a bissal‹ Lebens- und Liebesglück hier wohl noch nicht aufgegeben wurde. Solange man dafür nichts einkaufen muss, kann das in Torgau auch ganz gut klappen.

